Düsseldorf, seine Radfahrer und die RP-Online

Ein Freund wies mich heute auf einen Artikel über die Unvernunft der düsseldorfer Radfahrer in der Rheinischen Post hin. Das Solobild zeigt ausgerechnet den neuen Radweg auf der Friedrichstraße — zugeparkt, versteht sich.

Arne Lieb beginnt seinen Artikel damit, wie ihm eine Frau auf einem Hollandrad aufgefallen ist, die ihren Blick nach links und rechts richtete und dann ohne zu bremsen über die rote Ampel der Kreuzung am Wehrhahn fuhr. Leider erwähnt er nicht ihre geschätzte Geschwindigkeit, über ihr ungefähres Alter, ihren möglichen Beruf und Preis des Rades hingegen mutmaßt er durchaus. Auch ob die Kreuzung denn tatsächlich frei war, hüllt er sich in Schweigen. Wahrscheinlich war sie es, ansonsten hätte er es sicher erwähnt, um seine Aussage zu unterstreichen, dass der gemeine Radfahrer in seinem Egoismus sich und andere Verkehrsteilnehmer gefährdet.

Nach meiner Erfahrung fahren Menschen auf Hollandrädern in deutschen Städten zwischen 15–20km/h. Das ist keine Geschwindigkeit, mit der jemand für gewöhnlich auf eine gerade offensichtlich befahrene Kreuzung zufährt. Wahrscheinlich fuhr sie rund 10–12km/h, fuhr auf eine gerade unbefahrene Kreuzung zu, sah links und rechts keine sich nähernden Autos und überquerte die Kreuzung, ohne dabei jemanden zu gefährden. Das wäre aber langweilig und wenig dramatisch zu lesen. Aber das ist nur meine Annahme, basierend auf Beobachtungen aus rund 5 Jahren Radfahrt in Düsseldorf.

Natürlich folgen weitere Klischees über gemeingefährliche Anarchisten auf dem Fahrrad, die ohne Licht und ohne Helm fahren. Eine Freundin des Autors ernährt sich sogar besonders gesund, fährt aber ohne Helm Fahrrad — noch dazu abenteuerlich. Wer Bio kauft und sich vegetarisch oder gar vegan ernährt, darf nach seiner Argumentation also auch keinen Sport betreiben, bei dem ein Verletzungsrisiko besteht. Total logisch, findet er. Am besten bleibt seine Freundin einfach zuhause, damit ihr und ihrem Tempel ja nichts zustoßen kann.

Seine Zeitung muss über viele getötete Radfahrer berichten und angeblich wäre vielen Radfahrern mit besserer Ausstattung nichts zugestoßen. Das scheint ihn sehr zu belasten. Doch wer Hauptverursacher dieser Unfälle ist, bleibt unerwähnt. 2018 habe ich in der Rheinischen Post jedenfalls keinen Bericht über Radfahrer gefunden, die mit Helm oder besserer Beleuchtung heute besser dran gewesen wären. Im Gegenteil: Dafür finden sich viele Berichte über verletzte oder getötete Radfahrer, die übersehen wurden oder von einem zu nah überholenden Fahrzeug erfasst wurden:

https://rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/blaulicht/duesseldorf-reisholz-radfahrer-stirbt-nach-kollision-mit-auto_aid-19377657 https://rp-online.de/nrw/staedte/geldern/radfahrer-stirbt-nach-verkehrsunfall_bid-15520443 https://rp-online.de/panorama/deutschland/handy-am-steuer-autofahrerin-erhaelt-bewaehrungsstrafe_aid-19019381 https://rp-online.de/nrw/staedte/ratingen/radfahrer-wird-bei-unfall-schwer-verletzt_aid-22689669 https://rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/blaulicht/verkehrsunfaelle-mit-fahrradfahrern-in-duesseldorf-vier-verletzte_aid-17756581 https://rp-online.de/nrw/staedte/leverkusen/leverkusen-radfahrer-schwer-verletzt_bid-12038789 https://rp-online.de/nrw/staedte/wesel/radfahrer-stirbt-nach-unfall-mit-lkw-in-wesel_aid-23258315 https://rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/blaulicht/unfall-in-duesseldorf-radfahrer-prallt-gegen-geoeffnete-lkw-tuer-schwer-verletzt_aid-22347419 https://rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/blaulicht/fahrradfahrer-in-duesseldorf-bilk-schwer-verletzt_aid-20617311 https://rp-online.de/nrw/staedte/grevenbroich/unfall-in-grevenbroich-autofahrer-faehrt-radfahrer-an-und-wechselt-erstmal-seinen-reifen_aid-22788131 https://rp-online.de/nrw/staedte/langenfeld/langenfeld-radfahrer-bei-unfall-mit-pkw-schwer-verletzt_aid-23251297

Ohne Licht zu fahren ist fahrlässig und unklug. Rote Ampeln allgemein zu ignorieren: Nicht zu empfehlen. Aber wann habt ihr zuletzt einen Artikel von Autofahrern über das Fehlverhalten von Autofahrern gelesen, die noch dazu das Fahrverhalten ihrer Freunde kritisieren oder sich über die Rücksichtslosigkeit ihrer Zunft auslassen? Für Autofahrer in meinem Bekanntenkreis ist mal mit 1–2 Bierchen zu viel noch Auto zu fahren ein Kavaliersdelikt und natürlich ist man noch voll bei der Sache, wenn man hinter dem Steuer kurz eine Nachricht beantwortet. Abgelenkt und unaufmerksam sind immer die anderen. Die Radfahrer aber, die sollten mal endlich erwachsen werden. Damit wird die Sicherheit auf deutschen Straßen wiederhergestellt. Ganz bestimmt.